von Robert Langer
Tirol hat ein landesweit einheitliches System für seine Singletrails, mit Farbe, S-Grad, Gefälle und Trailbreite. Das ist im Alpenraum ziemlich vorbildlich. Ein Bundesland weiter kann Blau aber schon etwas anderes bedeuten. Wir erklären die Singletrail-Skala von S0 bis S5, zeigen, was hinter den Farben steckt, und warum ein Blick aufs Kleingedruckte vor der ersten Abfahrt nie schadet.
Wer in Österreich biken geht, kennt das Bild: Am Trailstart hängt ein Schild in Grün, Blau, Rot oder Schwarz, fast wie auf der Piste im Winter. Das wirkt eindeutig. Ist es aber nur bedingt. Denn hinter derselben Farbe können unterschiedliche Definitionen stecken, je nachdem, wer den Trail gebaut hat und in welchem Bundesland du gerade unterwegs bist.
Ein kleines Beispiel, gleich zum Einstieg: In Tirol steht Blau offiziell für „leicht“. Im Mountainbike Trail Park in Lannach in der Weststeiermark steht Blau für „mittel“, Grün ist dort „sehr leicht“, Rot „anspruchsvoll“. Beides ist legitim. Es zeigt nur, dass die Farbe allein noch keine Auskunft gibt.
Die Grundlage: Singletrail-Skala S0 bis S5
Das gemeinsame Werkzeug im deutschsprachigen Alpenraum ist die Singletrail-Skala, kurz STS. Sie hat sechs Stufen, von S0 bis S5. Ein S6 gibt es offiziell nicht, die Skala ist nach oben offen. Entwickelt wurde sie von Carsten Schymik, David Werner und Harald Philipp auf Basis der Skala von Willi Hofer. Sie ist Teil des Übungsleiterkurses Mountainbike beim Österreichischen Alpenverein und des Alpin-Lehrplans des Deutschen Alpenvereins.
- S0: Flüssige Wald- und Wiesenwege, griffiger Boden, keine Stufen, keine Wurzelpassagen, weite Kurven.
- S1: Flache Wurzeln, kleine Steine, ausgewaschene Rinnen, teils loser Boden. Bis zu 40 Prozent Gefälle, keine Spitzkehren.
- S2: Größere Wurzeln und Steine, oft loser Untergrund, Stufen und flache Treppen, enge Kurven. Passagenweise bis zu 70 Prozent.
- S3: Verblockt, hohe Stufen, Spitzkehren, rutschiger Boden. Steilheiten über 70 Prozent sind keine Seltenheit.
- S4: Sehr steil und stark verblockt, das Kettenblatt setzt auf. Trial-Techniken wie das Versetzen des Hinterrads sind gefragt.
- S5: Geröllfelder, mehrere hohe Absätze hintereinander, kaum Auslauf. Für Normalfahrer unfahrbar.
Wichtig: Die Skala bewertet Abschnitt für Abschnitt und kennt Feinabstufungen mit Plus und Minus. „S2 mit zwei S3-Passagen“ ist eine typische Angabe. Und sie gilt für trockene Verhältnisse bei Tageslicht. Absturzgefahr, Nässe, Licht und Tempo sind ausdrücklich nicht eingerechnet. Nach einem verregneten Herbstwochenende fährt sich ein S2 also spürbar schwerer.
Tirol macht es vor
Tirol ordnet seinen Singletrails tirolweit einheitlich vier Farben zu und hinterlegt diese mit konkreten Werten. Das ist nachvollziehbarer als in den meisten Regionen im Alpenraum:
| Farbe Tirol | S-Grad | Gefälle (Ø / max.) | Trailbreite (min.) | Für wen |
|---|---|---|---|---|
| Grün: sehr leicht | S0 | bis 9 % / 15 % | 1 m | Trail-Einsteiger, wenig bis keine Trailerfahrung |
| Blau: leicht | S1 bis S2 | bis 12 % / 30 % | 0,6 m | Einsteiger und Fortgeschrittene |
| Rot: mittelschwierig | S2 bis S3 | bis 20 % / 60 % | 0,3 m | Fortgeschrittene mit Spitzkehren-Basis und Sprungtechnik |
| Schwarz: schwierig | ab S3 | über 20 % / ab 70 % | 0,2 m | Experten, Absturzgefahr möglich |
Quelle: tirolweite Singletrail-Klassifizierung, wie sie u. a. die Kitzbüheler Alpen veröffentlichen.
Was viele übersehen: Ein blauer Trail in Tirol darf S2-Passagen haben. Die Farblogik der Singletrail-Skala selbst würde S2 aber bereits Rot zuordnen (Blau ist dort S0 bis S1). Ein roter Tiroler Trail kann S3 enthalten, nach STS-Farben schon Schwarz. Fehler ist das keiner. Es sind schlicht zwei verschiedene Maßstäbe, und wer sie kennt, ist im Vorteil.
| Blau heißt in Tirol S1 bis S2. Nach der Farblogik der S-Skala ist S2 aber schon Rot. |
Und im Rest von Österreich?
Außerhalb Tirols legen Bikeparks und Trailparks ihre Farben meist selbst fest. Lannach in der Steiermark nennt Blau „mittel“. Am Schilift Kesselmann in Faistenau bei Salzburg, wo heuer im Juli ein neuer Bikepark aufgesperrt hat, gibt es zwei grüne Trails für den Einstieg, zwei blaue, einen roten Singletrack und zwei Jumplines in unterschiedlichen Stufen. Wie streng dort im Vergleich zu Tirol bewertet wird, lässt sich von außen nicht sagen. Genau das ist der Punkt.
Dazu kommt der Unterschied zwischen gebauten und natürlichen Trails. Ein blauer Flowtrail mit Anliegern (überhöhte Kurven) und überrollbaren Wellen verlangt andere Fähigkeiten als ein blauer Naturtrail mit Wurzeln. Wer das eine sicher fährt, ist für das andere nicht automatisch bereit.
Doppelschwarz: in Österreich eher die Ausnahme
Die doppelte schwarze Raute stammt aus Nordamerika und ist über den internationalen Verband IMBA ins Mountainbiken gewandert. In England führt die staatliche Forstverwaltung Forestry England gerade schrittweise ein neues System ein, in dem Doppelschwarz offiziell „extrem“ bedeutet: sehr schnelle, steile Abfahrten, große Drops und Sprünge, nicht umfahrbare Hindernisse. Weder die Singletrail-Skala noch das Tiroler System kennen diese Stufe. Taucht sie in einem Park auf, gilt die Beschreibung des jeweiligen Betreibers.
Fünf Tipps für die nächste Abfahrt
- Legende suchen. Steht neben der Farbe ein S-Grad oder eine Erklärung? In Tirol hängen die Kriterien oft direkt am Trailstart, anderswo hilft ein Blick auf die Website.
- Die härteste Stelle zählt. „S2 mit S3-Passagen“ heißt: S3 fahren können oder bereit sein, kurz abzusteigen.
- Neues Gebiet, eine Farbe leichter. Die erste Abfahrt in einem unbekannten Park immer eine Stufe unter dem Heimniveau.
- Nässe und Laub mitdenken. Unsere Faustregel, kein offizieller Wert: bei nassen Wurzeln gedanklich eine Stufe draufrechnen.
- Absteigen ist keine Schande. Eine Schlüsselstelle zu schieben ist Urteilsvermögen. Zur Seite gehen, damit Nachkommende Platz haben.
Tirol zeigt, wie es geht: Farbe, S-Spanne, Gefälle und Breite, öffentlich und nachvollziehbar. Schön wäre, wenn Parks und Regionen in ganz Österreich zumindest den S-Grad neben die Farbe schreiben und Schlüsselstellen eigens markieren. Das kostet wenig und erspart Einsteigern viel Frust. Bis dahin gilt: Die Farbe ist ein guter erster Hinweis. Die Entscheidung triffst du am Trail, mit eigenem Blick.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
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