Jagdzeit im Wald Was Mountainbiker in Österreich wissen sollten

Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report

Service-Artikel, dauerhaft relevant für jede Jagdsaison

von Robert Langer

Im Herbst hängen an Forststraßen wieder Tafeln mit „Achtung Jagdbetrieb“, und in Gruppen kursieren Geschichten von Bikern, die für Wild gehalten wurden. In Österreich kommt eine Besonderheit dazu: Viele freigegebene Strecken sind genau dann nicht mehr freigegeben, wenn die Jagd richtig losgeht. Ein nüchterner Überblick.

Was hinter den aktuellen Geschichten steckt

Zwei Fälle werden derzeit besonders oft geteilt. Im Wald von Chaumont bei Neuchâtel nahm ein Jäger einen Mountainbiker ins Visier, erkannte seinen Irrtum aber noch rechtzeitig. In Forallac in Katalonien traf ein Jäger bei einer Treibjagd einen 54-jährigen Radfahrer, den er für ein Wildschwein hielt. Der Mann wurde lebensgefährlich verletzt.

Beide Fälle haben sich tatsächlich so zugetragen, aktuell sind sie aber nicht. Chaumont war im November 2018, Forallac im Februar 2024. Wer sie ohne Datum weiterleitet, erweckt den Eindruck einer Häufung, die sich so nicht belegen lässt.

Lehrreich sind sie trotzdem. In Chaumont trug der Biker ein gelbes Trikot, der Jäger gab später zu, ein paar Bier getrunken zu haben. In Forallac war der Schütze nüchtern, die Ermittler vermuteten einen Schuss ohne klare Sicht aufs Ziel. Helle Kleidung allein schützt also nicht, und Alkohol erklärt nicht alles.

Die Fälle sind nicht neu. Die Jagdzeit schon.

Die österreichische Besonderheit: Freigaben mit Ablaufdatum

Wer aus Deutschland kommt, übersieht das gern. In Österreich darf jeder den Wald zu Erholungszwecken betreten, das Befahren mit dem Rad braucht laut § 33 Abs. 3 Forstgesetz aber die Zustimmung des Waldeigentümers oder Forststraßenerhalters. Legal gebikt wird also auf freigegebenen und beschilderten Strecken.

Und diese Freigaben gelten oft nur zu bestimmten Zeiten. Im Tiroler Mountainbike-Modell etwa liegt die Verantwortung des Tourismusverbands oder der Gemeinde als Wegehalter vom 1. April bis 31. Oktober. Andere Strecken schränken zusätzlich die Tageszeit ein. Am Salzburger Heuberg zum Beispiel ist das Befahren nur von einer Stunde nach Sonnenaufgang bis eine Stunde vor Sonnenuntergang erlaubt.

Das hat mit Wild und Jagd sehr direkt zu tun. Die Dämmerung ist die Zeit, in der Rehe und Hirsche aktiv sind und Jäger am Ansitz sitzen. Und viele Freigaben enden im Spätherbst, also genau dann, wenn Gesellschaftsjagden wie Treib- oder Riegeljagden an Bedeutung gewinnen. Wer im November noch auf einer Strecke unterwegs ist, die nur bis Ende Oktober freigegeben war, fährt nicht nur ohne Zustimmung, sondern auch ohne die Haftungsregelung, die der Vertrag im Sommer vorsieht.

Was die Tafeln bedeuten

Eine Tafel mit „Achtung Jagdbetrieb“ ist in der Regel ein Warnhinweis, keine Waldsperre. Das Forstgesetz zählt in § 34 genau auf, wofür ein Waldeigentümer eine befristete Sperre verhängen darf: forstbetriebliche Baustellen, Holzernte, Windwurf, Schädlingsbekämpfung und wissenschaftliche Zwecke. Die Jagd steht nicht auf dieser Liste. Eine echte Sperre muss außerdem mit der vorgeschriebenen Tafel samt Beginn und Ende gekennzeichnet sein.

An Straßen empfehlen Jagdverbände das offizielle Gefahrenzeichen mit Zusatztafel, weil bei Treibjagden Wild und Hunde die Fahrbahn queren können. Im Wald bleibt es beim Hinweis.

Rechtlich also meist kein Verbot. Praktisch heißt so eine Tafel aber, dass wenige hundert Meter weiter Menschen mit geladenen Waffen stehen. Umzudrehen ist in diesem Moment keine Frage des Gehorsams, sondern schlicht vernünftig.

Rechtlich meist nur ein Hinweis. Praktisch ein guter Grund für eine andere Runde.

Wer ist verantwortlich?

Die Verantwortung für einen Schuss liegt beim Schützen. Jede Jagdausbildung lehrt als Grundregel, das Ziel zweifelsfrei anzusprechen, bevor abgedrückt wird. Das gilt unabhängig davon, ob sich jemand legal oder ohne Freigabe im Wald aufhält. Recht zu haben, schützt allerdings nicht vor dem Fehler eines anderen. Deshalb lohnt es sich, das eigene Risiko klein zu halten.

So bist du gut sichtbar und hörbar

Signalfarbe statt Waldlook

Braun, Grau, Oliv und Schwarz gehen im Herbstwald unter. Eine Warnweste, eine Jacke in Orange oder Neongelb, ein heller Helm oder ein Rucksacküberzug kosten wenig. Jäger tragen Orange nicht ohne Grund: Rehe und Hirsche nehmen diese Farbe nach heutigem Wissen kaum als Signal wahr, Menschen dagegen sehr wohl. Chaumont zeigt aber, dass Farbe das Risiko senkt, nicht beseitigt.

Zeitfenster ernst nehmen

Die Tageszeiten auf den Streckentafeln sind kein Zufall. Wer die Runde so plant, dass er vor der Dämmerung aus dem Wald ist, hält sich an die Freigabe und ist gleichzeitig dann unterwegs, wenn am wenigsten gejagt wird. Beides in einem.

Vorher schauen, was los ist

Tourismusverbände, Gemeinden und Bundesforste informieren über Streckensperren und Saisonzeiten. Größere Jagden werden regional unterschiedlich angekündigt. Ein kurzer Blick auf die Website der Region spart dir im Zweifel eine abgebrochene Tour.

Bemerkbar machen

Hörst du Schüsse, Hundegebell oder Rufe aus dem Wald: Nimm eine andere Route. Gerätst du trotzdem in eine Jagd, bleib am Weg stehen und mach dich laut bemerkbar. Eine menschliche Stimme ist das zuverlässigste Zeichen, dass da kein Wild kommt. Folge den Anweisungen der Jagdleitung.

Wenn etwas passiert

Wirst du mit einer Waffe ins Visier genommen oder beschossen: Ort merken und die Polizei unter 133 verständigen. Im Fall Chaumont kritisierte der Präsident der kantonalen Jägervereinigung später ausgerechnet, dass der Biker nicht sofort die Polizei gerufen hatte. Man kann das zynisch finden oder als Hinweis nehmen.

Unsere Einordnung

Österreich hat mit Vertragsmodellen wie in Tirol oder den rund 2.500 Kilometern, die die Bundesforste in Kooperation bereitstellen, gezeigt, dass Grundeigentümer, Tourismus und Jagd gemeinsam Lösungen finden können. Die Bundesforste haben ihre Fair-Play-Regeln ausdrücklich mit Partnern aus Tourismus und Jagd erarbeitet. Das ist der richtige Weg.

Das Grundproblem bleibt: Solange Radfahren im Wald ohne Zustimmung verboten ist, endet das legale Angebot oft genau dann, wenn viele von uns noch fahren wollen. Wer Konflikte im Herbst wirklich vermeiden will, braucht mehr ganzjährig freigegebene Strecken mit klaren Zeitfenstern und öffentlich einsehbaren Jagdterminen. Bauen schlägt Verbieten, auch in der Jagdzeit.

Wer Konflikte im Herbst vermeiden will, braucht mehr ganzjährig freigegebene Strecken und öffentliche Jagdtermine.

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